I want to be pretty
Liebe als Krankheit - oder die Profanisierung der meistbesungenen Droge der Welt (Das folgende Essay ist eine Abhandlung über die Symptome des Verliebtseins aus neurologischer und anthropologischer Sicht. Es hilft einerseits das Erfahrene besser zu verstehen, andererseits um es in Momenten der Schwäche nicht zu nah an sich herankommen lassen zu müssen.) Die Liebe, insbesondere das Gefühl des frischen Verliebtseins, ist imstande die Grenzen jeglicher nachvollziehbarer Logik auszuhebeln. Es entsteht eine Kakophonie widersprüchlicher Empfindungen, die zumeist gleichzeitig oder in sehr kurzer Abfolge auf unser psychisches und physisches System einwirken. Grenzenloser Überschwang weicht herzzerreissender Sehnsucht, unendliche Traurigkeit wandelt sich in pures Entzücken, vorsichtige Zärtlichkeit wird zu roher Besitzgier, lähmende Angst wird verdrängt von heller Bewunderung... und umgekehrt. Es entsteht die Illusion der "emotionalen Achterbahnfahrt" was allgemein als Kontrollverlust und je nach Grundstimmung und Charakter als angenehm oder anstrengend empfunden wird. Diesem schnellen Wechsel zwischen Himmel und Hölle wird selten vom Leidtragenden eine profunde Bedeutung beigemessen, vielmehr wird es als Zustand des Verliebtseins wehrlos und hingabevoll akzeptiert. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass bei frisch Verliebten lediglich der kleinste Gedanke an das Objekt der Begierde die gleichen Gehirnareale anregt wie beim Genuss von Kokain, Amphetaminen, MDMA oder anderen Opiaten. Bei Erwiderung der Gefühle tritt ein Rauschzustand ein, andernfalls leidet der Betroffene unter Entzugserscheinungen. Wie bei jeder anderen Droge auch, wird jeder, der von dem Suchtstoff auch nur ein einziges Mal in ausreichender Dosis kostet, süchtig. Der Baum der Erkenntnis, die Büchse der Pandora oder der Gesang der Sirenen; Ausgelebte Neugier und Versuchung haben Konsequenzen. Jedoch ist dem Mensch der Charakterzug zu eigen, lieber ewiglich durch unendliche Qualen der Hölle zu gehen um auch nur einmal zu fühlen, wie es im Himmel ist. Die Suchtsymptome der Liebesdroge Unterscheiden sich nicht von den Suchtsymptomen herkömmlicher Drogen: Verlust der Selbstkontrolle, manische Besessenheit, temporäre und chronische Persönlichkeitsveränderungen, punktuelle sowie allgemeine Realitätsverzerrung, unkontrollierbare Zwangshandlungen, emotionale, geistige und körperliche Abhängigkeit sowie im schlimmsten Fall Entzugserscheinungen. Die eigentlichen Schmetterlinge im Bauch, das Gefühl des Abhebens in den sagenumwobenen siebten Himmel oder das von Shakespeare beschriebene Herz das in der Brust zerspringen möchte, ist nicht mehr als ein Cocktail aus körpereigenen Drogen mit Wirkungsgebiet im Gehirn. Die Botenstoffe Dopamin und Norepinephrim sowie die Hormone Testosteron und Östrogen erzeugen bei Verliebten ein allgemeines Gefühl des "highseins", das keine Illusion sondern real vorhandenes Resultat einer unfreiwillig angewandten Medikation ist. Neben diesen Hauptzutaten verfeinern noch eine Reihe weiterer Gewürze die Henkersmahlzeit und sorgen für abwechslungsreiche Vielfalt in der emotionalen Umgebung der Verliebten. Noradrenalin hebt die Stimmung, aktiviert und sorgt für später eintretende Müdigkeit, Endorphine, unsere körpereigenen Opiate, die uns Glück, Lust und Leidenschaft empfinden lassen, sind der Erstauslöser für regelmäßig eintretende Rauschzustände und das als "Treuehormon" bezeichnete Oxytocin bewirkt in erster Linie sexuelles Begehren und sorgt nachhaltig für den Wunsch nach sozialer Bindung. Nicht alle vorhandenen Wirkstoffe haben eine positive Wirkung auf Geist und Körper. So findet sich auch ein erhöhter Anteil des Stresshormons Cortisol im Körper was zu gesteigerter Anspannung führt. Desweiteren wird die Herstellung des Botenstoffes Serotonin stark eingeschränkt. Serotonin sorgt für Ruhe und innere Ausgeglichenheit. Zwangsneurotiker haben meist einen stark verringerten Serotoninspiegel, was zu manischer Überaktivität des Gehirns führt. Bei Verliebtheit äußert sich das allerdings zumeist nicht in zwanghaften Handlungen sondern zwanghaften Gedanken. So entsteht der Zustand, die geliebte Person nicht mehr aus dem Kopf bekommen zu können, die Multitaskingfähigkeit sinkt, die Aufmerksamkeitsspanne verkürzt sich drastisch und die allgemeine Konzentration sinkt. Bei Verliebten ist eine verstärkte Aktivität im ventralen Tegmentum, dem zentralen Bestandteil des Lustzentrums im Gehirn, messbar. Hier befinden sich sehr viele Dopamin produzierende Zellen. Dopamin erzeugt gebündelte Aufmerksamkeit, Energie und Motivation. Resultat ist ein aufkommendes Verlangen für dessen Erfüllung die letztendlich ausgeschütteten Endorphine sorgen. Ohne diese wundervolle sowie schmerzhafte Mischung aus Hormonen und Botenstoffen wäre die bei Verliebten stark vorhandene Konzentration auf nur einen Partner und die damit einhergehende Faszination und Mystifizierung der geliebten Person überhaupt nicht möglich. Der Überschuss an Dopamin begünstigt neben dem Bedeutungsüberschuss auch die Möglichkeit der zwanghaften Fixierung von Gedanken und Gefühlen auf die Eine oder den Einen. Abschliessend bleibt nichts weiter als ein lebensnotwendiger, biologischer Vorgang, ohne den unser evolutionärer Fortbestand nicht mehr ausreichend gesichert wäre. Dem Menschen als aktiv und selbständig denkendes Wesen ist anscheinend die pure Triebhaftigkeit zur gesicherten Fortpflanzung nicht ausreichend. Dem ganzen muss eine solide, emotionale Basis zugrunde liegen, begünstigt durch den Rausch des Verliebtseins, der uns blind macht für alles Unwesentliche. Dieser Zustand vermittelt uns das Gefühl, die Liebe sei etwas Heiliges. Sie ist es nicht. Jedoch bleibt sie unerklärlich, unwiderstehlich und unvermeidbar. Und nicht nur in evolutionärer Hinsicht überlebensnotwendig. Chris "The Lord" Harms
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